Besorgt (5) – Flüchtlings-Selfie

FLÜCHTLINGS-SELFIE

Wer Not hat, dem sollte geholfen werden. Während ich dieser Meinung bin und aus lauter Stolz auf meine eigene gottesgleiche Toleranz gedanklich auf die Schulter klopfe, versuche ich einen klaren Kopf zu behalten. Ein paar wichtige Fakten nicht aus den Augen verlieren, während ich das nächste Selfie mit einem Flüchtling online stelle um es allen zu zeigen: „Schaut mal, ich bin ein guter Mensch!“ Ich darf nicht so tun, als wäre alles tutti-frutti. Als gäbe es genug Platz, genug Unterkünfte, genug Geld (d.h., das gibt es theoretisch schon, aber die,die es haben, geben es lieber für Waffen aus) und genug Toleranz unter all den unterschiedlichen Menschen, die wir in diesem Land haben und die nun kommen. Ich will nicht so tun, als wären wir nicht überfordert mit der Situation. Als wäre dies keine Ausnahmesituation. Als müsse man sich nicht ernsthaft Gedanken darüber machen, wie es weitergeht und wirklich weitergehen kann. Die Flüchtlinge können nichts dafür. Trotzdem werden sie von manchen als Projektionsfläche genutzt. Nach dem Motto: „Die Flüchtlinge kamen und seitdem gibt es Ärger im Land.“ Dass diese Flüchtlingswelle nicht wirklich überraschend war und das Land sich schon lange hätte darauf vorbereiten können, wird leider oft verschwiegen.
Ich sah einen Bericht, in dem ein aufgebrachter Flüchtling seine Wut rausließ: Österreich ist kein gutes Land ,es hilft uns nicht. Wir müssen auf der Straße schlafen!
Ich kann seine Wut verstehen. Jemand hatte ihm (anscheinend) versprochen, in Europa würde alles besser. Hier flößen quasi Milch und Honig und man bekäme Hilfe. Wer eigentlich hat ihm das versprochen? Dieser Mann ist sicher nicht der einzige, der wütend ist. Viele wütende Männer auf engen Raum zusammengebracht. Verschiedene Sprachen, verschiedene Religionen, unerfüllte Hoffnungen. Was soll da passieren? Sie gehen zusammen auf einem Berg meditieren? Sie backen zusammen Kuchen und freuen sich, dass Deutschland so schön bunt ist?

Ein anderer Bericht. Ein Übersetzer erzählt: „Ein Mann ist über Nacht geflohen, seine Familie wusste nichts davon. Er hat mehrere Tausend Dollar an einen Schlepper bezahlt.“ War es sein eigenes Geld? War es das seiner Familie? Was passiert jetzt mit der Familie?
Weiter erzählt der Übersetzer: „Ich traf viele aus Gebieten, in denen keine Gefahr droht. Ich erkenne ihre Dialekte, weil ich selbst aus der Gegend komme. Als ich sie fragte, warum sie denn hierher kämen, sagten sie: Jetzt oder nie! Es war noch nie so einfach nach Deutschland zu kommen!“. Ich kann viele verstehen. Wer sehnt sich nicht nach dem Ort, wo alles besser würde? Ich glaube nur, dass vielen ein falsches Bild vermittelt wird. In etwa so, wie uns hierzulande verkauft wird, dass wir mit diesem oder jenem Gegenstand endlich glücklich würden. Mit dem neuen Fernseher, der neuen Abnehmpille, mit dem perfekten Traummann usw. .
Schließlich entdecke ich immer mehr Interviews, in denen Flüchtlinge sagen, dass sie lieber in ihrem Heimatland geblieben wären, wenn sie gewusst hätten, wie die Realität hier aussieht. Man muss sich nur einmal vorstellen, man steckt sein ganzes Geld in den Traum einer besseren Zukunft und plötzlich steht man in einem Albtraum. Macht das nicht furchtbar wütend? Frustriert? Verzweifelt? Und wo sollen die Emotionen hin? Sie lösen sich nicht einfach in Luft auf. Sie müssen irgendwohin. Aber wohin?