Fliehen heißt:

23.10.15
Fliehen heißt: Unfreiwillig seine Heimat verlassen. Das ist nicht wie der Traum mancher von uns, in ein weit entferntes Land, in dem immer die Sonne scheint, auszuwandern. Fliehen heißt: Seine Wurzeln zurück lassen zu müssen. Ein Land verlassen, das man vielleicht liebte, in dem man sich wohlfühlte. Können wir das hier überhaupt nachvollziehen? Haben wir überhaupt noch eine innere Verbundenheit mit diesem Land, in dem wir aufgewachsen sind? Mögen wir dieses Land oder denken wir, wir könnten uns jederzeit auch in einem anderen Land zurecht finden?
Ich weiß nicht, ob es für uns überhaupt vorstellbar ist. Ich habe nicht das Gefühl, dass wir den Ort, an dem wir leben, besonders wertschätzen. Eher verfluchen wir dies und jenes, das uns hier stört und uns unserer Meinung nach davon abhält, endlich glücklich zu sein.
Doch was wäre, wenn wir Deutschland plötzlich verlassen müssten? Es könnte jederzeit so sein. Eine Sicherheit, wie wir sie suchen und sie überall groß geschrieben steht, gibt es nicht. Es gibt sie einfach nicht, diese ominöse Sicherheit. Was wäre, wenn wir in ein Land fliehen müssten, dessen Sprache wir nicht kennen und fern von unserer ist? Wenn wir das meiste, das wir besitzen, zurück lassen müssten, was wäre dann?
Ich würde sagen, wir würden uns ziemlich entwurzelt fühlen. Als hätte man uns unsere Heimat entrissen. Das ist nicht wie die Indienreise, wie wir sie als Studenten vielleicht gemacht haben, für ein paar Monate oder wenn es hochkommt, eins, zwei Jahre. Das ist wahrscheinlich viel mehr, wie, wenn ein Teil fort muss und ein anderer bleibt. Man muss fliehen, um zu überleben, doch das Herz bleibt in der Heimat. Ohne Herz fühlt man sich jedoch ziemlich leer! Wir kennen das alle aus unseren Liebeskummerzeiten, wenn es sich so anfühlt, als wäre unser Herz geraubt worden. Nichts macht uns mehr glücklich, denn schließlich ist unser Herz nur bei diesem einen Menschen. Verglichen mit der aktuellen Situation ist das wahrscheinlich ein sehr lächerlicher Vergleich. Aber wie sollten wir uns das auch vorstellen können? Ich finde es schwierig. Ich versuche, möglichst vielseitige Informationen zu bekommen. Ich möchte verstehen und die Wahrheit herausbekommen. Denn ich zweifle daran, dass das Laute, Offensichtliche und sich stets Wiederholende die Wahrheit ist. Wahrheit – ein sehr philosophischer Begriff. Aber ich habe die Hoffnung, dass ich ihr zumindest ein Stück näher komme, wenn ich Dinge von möglichst vielen verschiedenen Standpunkten aus betrachte.