Ich bin Gender, und du so?

Ich sehe einen Vortrag über „Familien im Wandel“ und höre mir an, dass einzig und allein die Sozialisation die Menschen zu dem gemacht hat, was sie sind. Das klingt nach einer Verleugnung der eigenen Identität. Nach einer Art Schuldzuweisung: „Nur Mama und Papa haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Nur die Gesellschaft hat mich geformt.“ Es ist wenig weitergedacht. „Hör nie auf zu fragen“, ist einer meiner Leitsätze. Während die Vortragende und mit ihr viele besonders „gebildete“ Leute das aktuelle Ergebnis der Wissenschaft oder viel mehr die neu erfundende Realität einer Regierung nachplappern und sich dabei augenscheinlich modern und klug vorkommen. Wissenschaft – unser neuer Gott. Es geht nicht um Gott oder nicht Gott. Es geht auch nicht um das Verneinen des massiven Einflusses der Umwelt auf den Menschen. Es geht um das Rauben der eigenen Identität. Wenn nur die Sozialisation für die Identität verantwortlich ist, diese also sozusagen von außen hinzufügt, sie in den Menschen einpflanzt, hat der Mensch zuvor überhaupt eine eigene? Oder ist er eine leere Hülle, wenn er geboren wird? Eine leere Hülle, die allein das Außen füllt?

Sicher, warum sollte ein Mensch über sich nicht sagen dürfen, was er will? Warum sollte er (oder sie, um es neupolitisch korrekt zu sagen), nicht von sich sagen dürfen „Ich bin außen eine Frau, aber fühle mich wie ein Mann, also nennt mich Mann“ ? Wie könnte ich sagen „Nein,das darfst du nicht, das ist nicht korrekt“? Wenn sie oder er sich nun mal so empfindet, dann ist das sein oder ihr legitimes Recht. Es geht also auch nicht darum, verhindern zu wollen, dass jemand von sich etwas sagt, das andere nicht so sehen oder gar abwerten. Es geht um das Rauben der Identität. Darf eine Frau sich nach dem neupolitischen Trend noch als Frau fühlen? Darf ein Mann sich als Mann fühlen? Oder müssen beide davon ausgehen, dass sie eigentlich gar keine Identität haben und sich erst eine suchen müssen? Falsch ist es sicherlich nicht, nach sich zu suchen, sich zu fragen, wer bin ich, was macht mich aus, fühle ich mich weiblich oder männlich und wie fühlt sich weiblich oder männlich überhaupt an? Oder bin ich gar etwas ganz anderes? Etwas. Etwas anderes? Ein Etwas?

Die neupolitische Meinung, das bereits vorhandene Geschlecht bei der Geburt einfach zu neutralisieren, zu sagen, es habe keine Auswirkung auf den Menschen selbst, raubt Identität.  Wenn es für manche Menschen besonders wichtig ist, ihr ganz eigenes Geschlecht zusätzlich im Ausweis eintragen zu lassen, warum sollte man ihnen diese Möglichkeit verwehren?

Dann bleibt da noch die Tatsache, dass die Welt in Polaritäten aufgebaut ist: In Nord und Süd, in weiblich und männlich, in Tag und Nacht usw. . Alles hat seine Berechtigung, alles seine Qualitäten. Es gibt keine Bewertung. Zumindest ursprünglich nicht. Man kann dem Mond nicht sagen „Warum bist du nicht mehr wie die Sonne?“. Im Alltag ist das aber der Fall. Wir bewerten die Gegensätzlichkeiten, die in sich verschieden und doch gleichwertig sind.

Die Gender-Theorie besagt, nur die Gesellschaft mache die Identität. Der eigene Körper habe keinen Einfluss auf die Psyche. Hiermit wird der Körper – mal wieder, wie eh und je – von der Psyche getrennt. Das Außen wird vom Innen getrennt anstatt es zu verbinden. Anstatt beide in einem Kreislauf zu sehen, in einer Wechselwirkung. Der Körper,so „Gender“, macht also nicht die Identität. Die Gesellschaft macht die Identität. Und alle, die diese Erkenntnis erlangen, können sich frei entscheiden, „was“ sie eigentlich sind. Es ist eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man sich auf die Suche begibt. Was nun aber, wenn man als Frau das eigene Frausein ablehnt, weil es Aufgaben und Schmerzen mit sich bringt, die man einfach nicht haben will? Verschwindet es einfach, weil man sich nun einfach anders nennt?  Viel mehr bleibt da etwas „Unerledigtes“, etwas, das man nicht haben will und einfach abschiebt, irgendwohin, wo man es weder sehen noch fühlen kann. Die Ablehnung bleibt bestehen, auch wenn sie sagt „Ich bin ein Mann.“ . Sie lehnt immer noch diesen Teil von sich ab und stülpt sich eine andere Bezeichnung über.
Das wäre ein Beispiel für die eine Frau. Wer aber kann sagen, dass es eine andere Frau nicht vielleicht braucht, sich als Mann zu sehen? Vielleicht ist genau das ein Weg für sie, irgendwann auch ihre „Frauenseite“ zu akzeptieren. Wer kann das wissen? Es geht also nicht darum, was speziell diese Frau oder jene Frau macht. Es geht nicht um den Einzelfall. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sich frei zu entfalten. Es geht um eine „Verordnung“ für die gesamte Gesellschaft.  „Die Gesellschaft macht Identität“ heißt auch, sie macht uns zu androgynen Wesen. Viele Jahrhunderte lang wurde gesagt, Frauen seien weinerlich, schwach, das „schlechte“ Geschlecht. Der Mann sei stark, ein Anführer, das gute Geschlecht. Der vollkommene Mensch sei der Mann. Nun, dass das eine ziemlich veraltete Sichtweise ist, brauche ich nicht erst in Frage zu stellen. Ich stelle aber alles in Frage. Ich stelle in Frage, was daran könnte doch wahr sein? Gibt es einen Funken Wahrheit in dieser Aussage? Die „Gesellschaft“ oder wie auch immer man diesen Apparat nennen soll, scheint nur Entweder-Oder zu kennen. Frauen = schwach ist veraltet, deswegen nimmt man das Gegenteil Frauen = stark. Demzufolge sagen viele wütende und verletzte Frauen: Männer = schwach. Es hat also keinerlei Veränderung stattgefunden, sondern die Münze wurde einfach nur herumgedreht und als neue Wahrheit deklariert.

Was aber hält uns, unseren Verstand und „die Gesellschaft“ davon ab, beide Seiten als Wahrheit zu erkennen? Frauen = stark und schwach , Männer = stark und schwach. Der platte Verstand mag hier denken, dann seien ja beide gleich. Der platte Verstand hört hier auf zu fragen. Der platte Verstand erfindet hier den Begriff Gender. Der Verstand könnte weiterfragen: Wo sind Frauen und Männer stark, wo sind sie schwach? Haben sie eigene Stärken, eigene Schwächen? Wo sind sie gleich? Wo unterschiedlich?

Das Problem liegt darin, dass wir aufhören zu fragen. Wir haben keine Zeit zu fragen. Die Gesellschaft macht nämlich Identität, wie wir nun bereits wissen. Sie formt uns. Sie formt uns, weil wir nicht (mehr) im Stande sind uns selber zu formen. Wie formt man sich selber? In dem man auf die Suche geht, wer man eigentlich ist.
Das Problem liegt auch in der Abwertung bestimmter Eigenschaften. „Weinerlich“ sei eine schlechte Eigenschaft. Weinerlich kann sich aber auch transformieren in einfühlsam und empfindsam. Weinerlich hieße : viele Gefühle haben, auf alles sensibel reagieren, die Welt nicht ertragen, schwach sein. Weinerlich ist das negative Bild von empfindsam. Auch Empfindsamkeit ist gesellschaftlich nicht gerade hoch angesehen. Doch was wären wir ohne einfühlsame Freunde, die uns ganz genau verstehen? Was wären Psychologen ohne Einfühlsamkeit? Wie soll ein nicht-einfühlsamer Psychologe seine Patienten verstehen? Was wären Eltern ohne Einfühlsamkeit, ohne Empfindung dafür, was das Kind gerade braucht? Wieviel Liebe könnten wir fühlen, wenn wir nicht empfindsam wären für die Gefühle für und von unserem Partner? Es ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die wir für unser Leben, das nicht nur aus Überleben bestehen sollte, brauchen. Zugegebenermaßen ist sie gesellschaftlich verkannt. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass Einfühlsamkeit auch wirtschaftlich von Belang sein könnte.

Wer aber sagt, dass es nicht auch eine andere Art des Führens geben könnte? Wer sagt, dass das Bild, das wir von wirtschaftlichem Erfolg haben, richtig ist? Wer sagt, dass es nicht verschiedene Arten des Führens gibt? Verschiedene Arten des Erfolgs? Wer sagt, dass eine Frau, wenn sie führen will, genauso agieren muss wie die Männer es vorlebten? Wer sagt, dass sie nicht eine ganz eigene Art des Führens hat? Schon längst hat die „Gesellschaft“ aufgehört zu fragen. Und wir?