Der Zugunfall

Samstagabend.
Es ist spät, ich bin müde und will nur noch schlafen.
Ich sitze im Bus, der mich zum Bahnhof fahren soll. Der Bus hat Verspätung. Das Handy bemerkt: Auch der Zug hat Verspätung. Die Chancen stehen gut. Als der Bus am Bahnhof ankommt, steige ich behutsam und umblickend aus. Dann renne ich zum Gleis. Der Zug steht noch da. Als ich einsteige und weit nach vorne laufe um mir einen freien Platz zu suchen, steht er immer noch. Viele angetrunkene junge Leute befinden sich in diesem Zug und ich erinnere mich wieder, dass ich an Wochenenden spätabends nicht gerne Zug fahre. Der Zug steht immer noch und eine Durchsage lässt verlauten, er warte auf einen verspäteten Anschlusszug. Einige Leute steigen noch hinzu. Der Anschlusszug kommt, der Zug wird immer voller und lauter. Ich versuche abzuschalten. Betrunkene Jugendliche in Halloweenkostümen einen Tag nach Halloween vermeide ich so gut ich kann. Das kleine Abteil, in dem ich sitze, ist bis auf einen älteren Herrn und einen südländischen, jungen Mann komplett leer. Der Pfiff ertönt, alle Türen schließen sich mit einem krachenden Geräusch. Ich bekomme noch mit wie an der von mir aus nächsten Tür gerüttelt wird. Ich höre Jugendliche lachen, meine Augenwinkel meinen wahrzunehmen, wie ein paar von den Jugendlichen heraus- oder hereinspringen. Ich frage mich nicht weiter, was los ist. An späten Samstagabenden ist so etwas keine Ausnahmesituation. Innerhalb dieser Szene rollt der Zug an. Er rollt und rollt und hält. Das war eine kurze Fahrt. Ich denke an nichts Schlimmes. Züge kommen zu spät oder gar nicht, fahren spät ab, halten an, fahren wieder los, bleiben stehen, augenscheinlich völlig willkürlich, aber eben doch alltäglich für die Bahn. Die beiden Männer aus meinem Abteil machen die Fenster auf und schauen raus. Der ältere Herr schaut ahnungslos immer wieder hin und her, sucht eine Ursache, findet aber keine. Der junge Südländer dreht sich um, flucht und schüttelt den Kopf. Er schließt das Fenster und sagt schockiert: „Da liegt jemand.“ Ich schaue ihn fragend an. „Das willst du nicht sehen.“ Ich beschließe, dass ich das wirklich nicht will. Er macht das Fenster wieder auf und schaut erneut heraus. Die Szene wiederholt sich einige Male. Es scheint, dass er nicht fassen kann, was er sieht. Ich fühle mein Herz laut klopfen. In meiner Magengrube entsteht ein schwarzes Loch, als hätte es gerade jemand hineingeboxt.
Ich frage mich, wie ich mich verhalten soll. Ich halte inne. Herausschauen kommt für mich nicht in Frage. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas tun könnte. Ein Blick auf die Bahnhofsuhr sagt mir, dass ich wohl den Zug wechseln und zum nächsten gehen sollte. Ich frage mich, was gerad passiert ist und gleichzeitig will ich es nicht wissen. Ich denke, ob es wohl etwas Schlimmes ist und sage mir, dass es das bestimmt nicht ist. Ich frage mich, wie lange diese Szene dauern wird und ob ich noch abwarten soll bevor ich den nächsten Zug nach Hause auch verpasse. Ein wenig egoistisch komme ich mir dabei vor. Jedoch macht es keinen Unterschied, da ich ohnehin nichts tun kann. Der junge Südländer ist immer noch vollkommen schockiert und wiederholt immer wieder, dass da jemand liegt. Bilder kommen mir in den Sinn, als hätte der junge Mann sie mir per Gedankenübertragung herübergesendet. Im Zug scheinen wenige etwas mitbekommen zu haben. Der große Teil regt sich nicht, scheint sich zunächst genauso wenig über das kurze Anfahren und Wiederanhalten zu wundern. Warum auch. Ein paar wenige steigen aus. Hier und da eilt Bahnpersonal hin und her. Polizisten erscheinen. Diejenigen, die ohnehin an späten Samstagabenden vor Ort sind um das angetrunkene Samstagabendklientel im Zaum zu halten. Insgesamt liegt eine ungewöhnliche Ruhe in der Luft. Sie hat etwas Friedvolles. Kein Gemurmel, kein Geschrei, wenig Menschen, niemand der weint oder verzweifelt klingt. Es ist, als wäre gar nichts passiert. Es fühlt sich an wie ein Betriebsfehler. Da ist mal wieder ein Gleis blockiert. Irgendetwas funktioniert bei der Bahn wieder nicht. Nicht verwunderlich. Die Polizisten sollen gucken und es richten. Aus der Ferne höre ich eine Stimme,die dann doch etwas verzweifelt klingt. Sie ist nicht zu verstehen. Ich meine das Wort „tot“ wahrzunehmen und suggeriere mir sofort, dass das nicht sein kann. Ich habe mich überhört. Wenn ich mich nicht überhört habe, war es sicher ein schaulustiger Betrunkener.
Ich verweile. Vielleicht erstarre ich auch. Ich weiß nicht, wie ich handeln soll. Ich schaue besorgt, schlecht ist mir immer noch und mein Herz fällt mir beinahe aus der Brust. Ich beschließe erneut, dass ich nichts tun kann und bis zum nächsten Zug nach Hause noch genügend Zeit ist. Wenn dort draußen etwas Schlimmes passiert ist, möchte ich nicht vorzeitig den Zug verlassen um aus Versehen einen Blick auf das Geschehen auf dem Gleis zu werfen. Ich möchte nicht einer dieser Menschen sein, die immer wieder schauen, sich umdrehen, den Kopf schütteln und noch einmal nachschauen ohne dabei etwas Hilfreiches zu tun. Ich möchte auch nicht in der Starre bleiben und mein schlechtes Gefühl aushalten. Ich bete. Ich frage mich, ob das etwas bringt und erinnere mich im 20-Sekundentakt daran , dass das, was ich ansonsten tun würde, auf keinen Fall etwas bringt. Nach einer kurzen Weile kommen mir Worte wie „Wir können nichts mehr tun“ in den Sinn. Ich weiß nicht, woher das kommt und ob es nur ein Gedanke meines hoffnungslosen, pessimistischen Geists ist. Ich gehe dagegen an und bete einfach weiter. Wenn ich schon sonst nichts tun kann, tu ich eben das. Dass es zu spät sei, suggeriert mir eine innere Stimme immer wieder und schließlich wird es Zeit, dass ich das Gleis wechsel. Ich steige aus und wende meinen Blick ab vom Unfallort. Sollte es etwas zu sehen geben, will ich es lieber nicht sehen. Der nächste Zug fährt auf dem nächstliegenden Gleis und so kann ich die Szene nur um einige Meter verlassen. Ich bekomme mit, wie immer mehr Polizisten und ein paar Feuerwehrmänner auftauchen und das Gleis absperren. Menschen sehe ich immer noch nicht allzu viele. Ich wundere mich. Aber statt weiter zu spekulieren und nichts zu tun, kann ich auch beten. Immer wieder schaue ich auf.
Auf dem neuen Gleis tauchen auch ein paar der Jugendliche in Halloweenkostümen auf, die mit im Zug waren. Ein Mädchen atmet schnell. Sie wirkt schockiert, steht aber sichtlich unter Alkoholeinfluss. Ihre Freunde halten sie fest und einer von ihnen sagt zu den heraneilenden Polizisten, es sei nur der Alkohol. Ganz danach wirkt es auf mich aber nicht. Ich frage mich, ob sie irgendetwas mit dem Unfall zu tun haben und erinnere mich, dass ich keine Antwort finden werde, nichts tun kann und stattdessen lieber weiter beten sollte. Viele Minuten später rollt der neue Zug heran, ich steige ein und schließe die Augen. Ich bin müde. Mir ist immer noch übel, mein Herz klopft und ich weiß nicht, wie ich mich fühle.

Am nächsten Morgen durchsuche ich das Internet nach Informationen über den Unfall. Sofort erscheint schon in der ersten Zeile, was ich nicht lesen wollte: Tödlich verunglückt. Der Zeitungsartikel besagt, ein Mann hätte noch schnell in den anfahrenden Zug springen wollen, wäre dabei zwischen die Gleise geraten und noch am Unfallort gestorben.
Warum? Was bewegt jemanden, einen fahrenden Zug anhalten zu wollen? Was bewegt jemanden, ein so monströses Getüm bezwingen zu wollen? Zu glauben, man wäre der Stärkere, Überlegenere und dieses die Geschichte des Davids gegen Goliath?
Ist es Alkohol, der mit im Spiel war? Ist es Schicksal und es konnte nur so kommen? Ist es Leichtsinn? Ist es vielleicht sogar die Zeit, die langsam davon rollte während sie rief: „Los, versuch’s doch mich zu kriegen!“

Ich finde einen weiteren Artikel, der besagt, es handelte sich um einen 44-jährigen, der zum Abschied eines Bekannten neben dem Zug herlief. Demnach wollte er also nicht aufspringen. Es war auch kein Zeitdruck. Was bewegt jemanden, die ständige Durchsage des Abstandhaltens von den Gleisen, zu ignorieren?

Wie ist es, wenn ein Unfall passiert, jemand schwer verletzt wird und dann stirbt? Ich hörte Menschen am Gleis reden, die nur endlich in den nächsten Zug wollten. Ich hörte fröhliche, sorglose Stimmen während die Polizei aufrückte und das Unfallgleis absperrte. Darf man fröhlich sein während 100 Meter weiter jemand verblutet? Darf man nicht fröhlich sein, wenn man nichts tun kann? Kann man nichts tun? Bringt Anteilnahme etwas? Bringt es etwas, sich berühren zu lassen von dem Geschehen um einen herum? Wo ist der Unterschied, wenn jemand sich etwas zu Herzen nimmt und ein anderer nicht? Sind eine Anteilnahme, ein Schweigemoment, ein Innehalten so nutzlos wie sie scheinen?  Entsteht da nicht etwas, das man Menschlichkeit nennt? Ist das Teilen von Gefühlen nicht wichtig? Das Empfinden einer Gemeinschaft, ist es nicht stäkend? Ein gemeinsames Innehalten, ein Respektzollen aller Tätigen, ein Mitgefühl für den Verletzten, für die Schockierten, für alle, die es brauchen? Ein Bewusstwerden, dass wir immer noch leben? Ein Bewusstwerden, dass wir keinen schlimmen Unfall hatten, aber jederzeit passieren könnte. Ein Bewusstwerden, dass es jederzeit, wenn wir’s am wenigsten ahnen, vorbei sein könnte. Einen Moment innehalten um zu verdauen. Um Mensch zu sein. Um sich berühren zu lassen. Um seine eigene Menschlichkeit im Zeitalter der Technologie nicht zu vergessen. Um einmal länger vom Smartphone aufzuschauen oder es einmal länger in der Hosentasche zu lassen. Um einmal nicht in diese andere Welt zu fliehen, sondern nur hier zu sein. Hier, wo etwas passiert, von dem wir nicht wollen, dass es uns passiert. Einen Moment innehalten um dankbar zu sein, dass wir auf der Seite der Unbeteiligten stehen dürfen. Innehalten um zu spüren, dass wir immer noch hier sind. Dass wir einen weiteren Abend, einen weiteren Tag geschenkt bekommen um unser Leben zu leben. Einen Augenblick aus der Routine ausbrechen und wahrnehmen, was um uns herum geschieht. Menschen erkennen, die sich bereit erklärt haben, einen Beruf auszuüben, in dem sie sich regelmäßig Situationen aussetzen, die wir schon von Weitem vermeiden.

Ich wollte einen früheren Zug nehmen. Warum wurde es dieser? Zufall? Schicksal? Beides?

Wäre ich nicht vor Ort gewesen, hätte ich nur diese Artikel gelesen – es hätte mich wohl nicht sehr berührt. Ein sterbender Mensch, mal wieder. Überall und jederzeit sterben Menschen, Unfälle passieren , wohin man schaut. Mittendrin zu sein ist anders. Ich kann nicht abschalten. Ich kann nicht sagen, „Einer dieser Unfälle, hoffentlich komme ich bald nach Hause, ich will schlafen“. Ich kann nicht sagen, damit hätte ich nichts zu tun. Ich habe damit etwas zu tun, denn ich bin dort. An einem Ort, an dem in Sekundenschnelle jemand, der gerade noch gesund genug war zum Laufen, erst verletzt wird und dann stirbt. Ich bin mitten im Geschehen, obwohl ich nicht viel mitbekomme. Ich bin ein Teil davon. Wie ein Puzzlestück, das nur einen Teil des Himmels zeigt, der dem Puzzlebild als Hintergrund für das eigentliche Szenario dient. Ich kann nicht sagen, ich gehöre nicht dazu. Ich gehöre dazu. Ein kleiner, aber ein Teil vom Ganzen. Ich teile.