Meine kluge muslimische Freundin

28.10.15
Ich habe eine Freundin. Die ist Muslima. Das zu schreiben, kommt mir komisch vor. Denn normalerweise stelle ich jemanden nicht vor und sage direkt dahinter seine Religion oder Ausrichtung. Ich sage nicht „Das ist Jenny, sie ist Christin.“ . „Das ist Sam, der ist schwul.“ . „Und das ist übrigens Billy, die ist hinduistische queere Esoterikerin und total links.“

Aber das mit den Muslimen, das ist immer irgendwie was anderes.
„Die stechen immer so hervor“. „Die Frauen mit ihren Kopftüchern als Zeichen ihrer Unterdrückung“. „Die ganzen Aisches und Mohammeds, die nicht mal richtig deutsch können“. Das ist unser Bild hier, oder?
Meine muslimische Freundin kann deutsch. Sagt „ich“ statt „isch“. Hat sogar Abitur und kennt den grammatikalisch korrekten Satzaufbau. Kommt nicht mal aus den nahöstlichen Ländern, wo ja mutmaßlich erstmal alle Muslime herkommen, sondern aus Indien. Sie heißt auch nicht Aische und unterdrückt wirkt sie auch nicht. Sie erzählt mir von ihren persönlichen Werten und plötzlich ergibt das alles Sinn. Sie erzählt, dass es ihre persönliche Einstellung ist, ihren Körper weitgehend zu verdecken, weil es für sie einen Schutz darstellt. Sie erzählt auch, und ich bin davon ganz überrascht, dass muslimische Männer verpflichtet sind, ihren Blick zu senken.
Sie erzählt mir offen und ehrlich aus ihrem Leben und ich frage mich immer mehr, wer das eigentlich erfunden hat, dass freizügige Frauen als frei und unabhängig gelten.
Ich sage, eine Frau ist unterdrückt, wenn sie unterdrückt ist. Ich lerne viele Menschen kennen. Viele Frauen, die mir von sich erzählen. Frauen, die kein Kopftuch tragen und an keinen Gott glauben. Frauen, die noch nie darüber nachgedacht haben, ob es nicht auch genauso merkwürdig sein könnte, viel von seinem Körper preiszugeben. Frauen, die davon ausgehen, dass sie selbst frei und unabhängig sind.
Meine muslimische Freundin hat sehr interessante Ansichten. Sie ist ein offener Mensch. Ich frage sie, wie sie sich fühlt bzgl. Pegida. Ich bin sehr froh, als sie sagt, man müsse mehr miteinander kommunizieren. Man müsse ihnen zeigen, dass sie ein falsches Bild vom Islam haben. Man müsse sie aufklären und sie sollten mehr hinterfragen. Hinterfragen, eins meiner Lieblinswörter. Ich bin wirklich froh, dass sie das so sieht. Dass sie sich nicht vom Hass und der Hetze anstecken lässt, sondern Mensch ist und bleibt. Wenn man von Pegida redet, redet man schnell weiter über den Islam, von Dingen, die mit Pegida eigentlich nichts zu tun haben. Das Kopftuch ist natürlich das Symbol schlechthin. Meine muslimische Freundin fragt sich, warum andere ständig ihr Kopftuch kritisieren. Schließlich müssten die anderen es ja nicht tragen. Das ist ein sehr schwieriges Thema, finde ich. Hier in Deutschland bedeutet es Freiheit, sich anziehen zu können, wie man will. Auch, wie Frau will. Es bedeutet Freiheit, seinen Körper so zeigen und gestalten zu können wie man das möchte. Die Frau will die Wahl haben. Aufgrund einer Vorschrift wird die Frau hier sicherlich kein Kopftuch tragen. Nur,wenn sie es ganz persönlich möchte. Da ist sie manns genug! Also… Frau genug!

Ich frage meine Freundin, warum ich so viele wunderschön geschminkte Muslima sehe, das wäre doch auch „aufreizend“. Sie sagte, dass es tatsächlich so ist, dass sie sich nach Vorschrift nicht schminken sollten – außer für ihren Mann zuhause, selbstverständlich. Und das ist etwas, dass der westliche Verstand hier absolut nicht verstehen kann. Meist heißt das, dass der Verstand dann einfach dagegen ist. Was er nicht versteht, akzeptiert er nicht. Gut, dass es Menschen wie meine Freundin gibt, die hinterfragen können. Ich gebe zu, es ist für diese Kultur hier ziemlich schwer zu durchschauen, warum um Himmels Willen eine Frau sich nur für ihren Mann schön machen und ihre Schönheit vor anderen verbergen sollte. Hier kommen wir zum Punkt. Ich finde meine Freundin sehr schön. Ich kann ihre Schönheit sehen, ob mit oder ohne Kopftuch. Sie sagt, dass sie sich gar nicht vorstellen kann, dass es andere Frauen gar nicht stört, wenn sie auf diese eine  bestimme Art und Weise angeguckt werden. Das ist der Punkt. Ich denke, es stört die meisten nicht. Nicht nur das. Sie bauen ihren Selbstwert darauf auf. Sie möchten ja gefallen. Sie möchten, dass man sie attraktiv findet. Entweder machen sie es bewusst oder ganz unbewusst. Das ist ein eingespeichertes Programm für die Frau von heute (wobei wie immer gilt „Ausnahmen bestätigen die Regel“!) . Das, was ich bisher über den Islam erfahren haben, scheint mir gar nicht so weit von uns entfernt. Es ist nur in einem anderen „Kleid“. Der Islam zeigt ein bestimmtes Bild von der Frau. Wir hier interpretieren das gerne mal als Unterdrückung der Frau. Ich weiß nicht genug über den Islam um behaupten zu können, die Frau würde unterdrückt oder würde nicht unterdrückt. Ich weiß nur, dass man sich mit etwas, das einem fremd ist, sehr viel beschäftigen sollte, bevor man eine Meinung darüber äußert. Ich sehe meine muslimische Freundin und kann keine Zeichen der Unterdrückung feststellen. Sie ist ziemlich selbstbewusst. Sie würde sich nicht so einfach unterdrücken lassen, was auch mmer das im Endeffekt heißt.

Es gibt hierzulande also Kritiker, „Kritiker“ und Gegner des Islams. Echte Kritik ist förderlich, sie ist friedlich und lässt andere Meinungen zu. „Kritik“ aber, also falsche Kritik, ist nicht wirklich Kritik als vielmehr Vorurteile von Leuten, die sich Kritiker nennen und nicht vorhaben, an ihrem Standpunkt je etwas zu ändern. Was Gegner sind, wissen wir wohl allemal.
Nun, also es gibt die berechtigte Frage, ob denn die Frau im Islam frei wäre. Wie gesagt, kann ich zum Islam selbst nicht viel sagen. Was ich aber kann, ist zu fragen, ob die Frau hierzulande frei ist. Denn der Vorwurf, die Frau sei im Islam nicht gleichberechtigt, kommt meines Erachtens meist von denen, die denken, die westliche Frau wäre absolut frei und gleichberechtigt. Diesen Leuten möchte ich empfehlen, dem einmal nachzugehen. Nachzuforschen, wo die Frau hier vielleicht doch nicht frei und gleichberechtigt ist. Es mag so sein, dass „die“ Frau oberflächlich die Wahl hat, wer sie sein will, was sie tun will, wie sie sich anzieht, was sie sagt und so weiter. Ich bin in einer Zeit nach der großen Emanzipation aufgewachsen. Eine Zeit mit einem sehr eigenartigen, extremen Bild der Frau. Es war  das Bild der Superfrau: Schlank, sexy, kurvenreich an den „richtigen Stellen“, perfekt und makellos – außen wie innen. Eine Frau mit Superkräften, die weiß,was sie will und es auch erreicht. Eine Frau mit Endlospower, die arbeiten und anpacken kann. Eine Frau, die ihrer Periode nicht nachgibt, sondern dann erst richtig loslegt. Eine Frau, die alle Männer haben kann und doch auf keinen angewiesen ist. Eine Frau, die Party macht, ihr Leben liebt und immer genau das hat, was sie möchte. Ich frage mich, ob diese Frau als Mensch überhaupt existiert. Aber dass das nur ein surreales Bild sein könnte, das sagt einem keiner. Überall hängen Werbeplakate von sexy Frauen mit viel Haut, überall sind Bilder in Zeitschriften und zeigen uns, wie eine Frau zu sein, auszusehen und was ihr zu gefallen hat. Das sind Vorschriften auf sehr perverse Art und Weise, weil sie uns als erreichbare Realität verkauft werden. Verkauft ist das richtige Wort ,denn wir kaufen das nicht nur ab, sondern bezahlen auch gerne dafür, indem wir genau die beworbenen Produkte konsumieren. Wir sollen uns selbst ja nie so mögen wie wir sind, sondern immer nur das „perfekte Bild“ von uns, das immer in der Zukunft liegt, egal, wieviele Tage schon verstrichen sind. Wenn im Kaufhaus keine der vielen Hosen so richtig passt, dann liegt das grundsätzlich an unser unperfekten Figur. Zu dicke Schenkel, zu flacher Po, zu großer Bauch. Alles ist fehlerhaft, nur nicht die Hosen, die sind perfekt.
Dazu gibt es wirklich noch viel zu sagen und zu schreiben, aber dafür ist das hier nicht der passende Artikel.

Dann gäbe es noch die vielen Berufe, in denen sich zum größten Teil Frauen aufhalten – es sind vor allem die sozialen Berufe. Es sind die wichtigsten Berufe, die es geben kann, denn es geht immer darum, Mitmenschen zu helfen und zu fördern. Es sind aber gleichzeitig auch die am wenigsten geschätzten Berufe. Berufe, in denen man sich ein Burn-Out nicht erlauben kann, weil man immer den hilfsbedürftigen Menschen vor Augen hat, nicht etwa den wirtschaftlichen Verlust. Ein Burn-Out von einem ganz hohen Büro“tier“ ist aber sogar etwas ,das hierzulande Anerkennung bekommt.
Die Schul-, Kindergarten- und Krippensituation ist ein einziges, fortwährendes Burn-Out. Kinder kommen in einem Alter in die Krippe, in dem die meisten noch viel zu jung sind, um lange von der Mutter getrennt zu sein. Aber die Mutter hat hier meistens keine Wahl. Die Mutter ist nämlich nicht nur Mutter, sondern auch noch eine Frau mit Anspruch auf die Powersuperfrau. In ihr (das heißt, in den meisten Frauen) lebt das Bild, alles auf einmal sein zu müssen und das auch noch erfolgreich (sprich: fehlerlos). Das ist eine insgeheime Vorschrift, die uns die Wirtschaft und die Medien eben so diktieren. Merkwürdigerweise tanzen wir sogar danach ohne nur einmal zu merken, dass das völlig krankhaft ist.
Der Islam kommt da gerade recht. Der zeigt etwas ,dass wir als „Unterdrückung“ verstehen und holt unsere eigenen unterdrückten Anteile an die Oberfläche.
Wie gesagt, ich kann mich noch nicht detailliert über den Islam selbst äußern. Bisher kann ich nur das wiedergeben, was ich im Internet oder von meinen Freunden erfahre. Meine muslimischen Freunde, denn es gibt ja nicht nur die eine, sind durchaus intelligent, sozial und herzlich. Ich kann also gewissermaßen darauf vertrauen, dass sie mir keinen Quatsch erzählen. Was ich aber vor allem möchte, ist, daran zu erinnern, dass man bei sich selber guckt. Es ist einfach falsch, andere für etwas zu verurteilen, das man selber macht und es noch nicht einmal merkt.
Auch gibt es Dinge, die wir hierzulande von der muslimischen Kultur lernen könnten. Dazu müssten wir aber erst einmal anfangen, sie verstehen zu wollen. Man kann am Ende immer noch sagen, dass man lieber andere Wege geht. Aber allein aus Mitmenschlichkeit, einfach, um einen anderen Menschen besser zu verstehen, könnte man sich ein wenig näher damit beschäftigen. Vielleicht ist es für andere nicht so interessant wie für mich. Mich interessiert es sehr, woher andere Menschen stammen und wie sie zu dem gekommen sind, was sie sind. Es hilft mir, auf andere Menschen offener zuzugehen und ein umfassenderes Weltbild zu bekommen. Ich gehe davon aus, dass jeder einen bewussten oder unbewussten Grund für das hat, was er tut. Ich kann es nur weiterempfehlen, sich ganz persönlich mal ein Bild zu machen von etwas ,das man unverständlich findet. Es gibt viele Anlaufstellen mit ganz normalen Menschen. Das, was auffällt, sind ja meist extreme, verzerrte Ausführungen von etwas. Es gibt aber auch Menschen wie meine muslimische Freundin. Sie fällt nicht mehr oder weniger auf als andere Menschen, die durch die Straßen gehen. Sie ist ein ganz normaler Mensch mit Herz und Verstand. Und ich mag sie.