Über das Böse und unsere Schokoladenseiten

29.10.15
Ich heiße Menschen aller Religionen und Kulturen willkommen. Ich möchte von ihnen lernen wie von meiner eigenen Kultur. Ich bin fasziniert von der Vielfalt, die es auf der Welt gibt. Ich versuche, die Wahrheit zu finden. Ich möchte keinen Unterschied machen zwischen einzelnen Gruppen, sondern die Menschen dahinter sehen. Jeder ist ein Individuum und die Maske der Masse kann trüben.

Was ist, wenn wir alle am Ende das Gleiche wollen? Wenn alle nur denken, es anders zu bekommen? Wenn wir vor lauter Wut und Ungerechtigkeit nicht fähig sind, in einer Sprache zu kommunizieren, obwohl wir in der Theorie hier dieselbe sprechen? Wir denken, dieser oder jener sei Schuld, dass wir nicht haben,was wir wollen oder dass wir haben, was wir nicht wollen. Dieses Gesetz, jener Politiker, jene Gruppierung, jene Religion und so weiter. Ich kann mich nicht entscheiden zu welcher Gruppe ich gehöre. Sie sind mir zu einseitig. Zu radikal. Zu extrem. Ich stehe dazwischen und versuche, zu verstehen. Gibt es denn auch eine Gruppe für Mitmenschlichkeit? Eine Gruppe, die kritisch denkt und ein offenes Herz hat?

Ich sehe ganz klar, dass jede Religion in dieses Land gehört. Ich sehe ganz klar, dass jeder Mensch Hilfe bekommen sollte, der sie braucht. Ich sehe, wie wir andere mit offenen Armen empfangen sollten. Ich sehe auch, wie unser Land allmählich zerstört wird (z.B. durch verschiedenste Menschen, die sich gegeneinander aufhetzen oder aufhetzen lassen). Ich sehe, wie Machtspielchen getrieben werden, die auf einen Krieg hinausführen. Ich sehe, wie normale Menschen benutzt werden und gegeneinander aufgehetzt werden. Ich sehe, wie augenscheinlich alles nach einem Plan von jemandem zu laufen scheint, denn Zustände, die meiner Meinung nach regelbar wären (und lange absehbar waren!) , spitzen sich immer mehr zu. Ich sehe, wie wir uns bereits mit Worten bekriegen und daran scheitern, einander zuzuhören. Wieviel Hass in unseren Herzen wohl stecken mag, wenn wir uns und anderen nicht zuhören. Wir urteilen schneller als wir denken können.
Es macht mich traurig, dass Menschen nicht hinter eine Fassade blicken. Können sie nicht anders? Wollen sie nicht anders? Sie sind wütend. Wut verblendet. Alle. Wer laut schreit, möchte gehört werden. Man sollte ihm einmal zuhören. Wirklich zuhören. Vielleicht ist dann schon alles vorbei. Aber man geht gegen ihn. Man schreit einfach zurück.
Bin ich ein Teil der schweigenden Masse? Ich versuche mich zu erklären: Ich möchte helfen. Jedem, der Hilfe braucht. Doch wer entscheidet darüber, wer Hilfe braucht? Meine eigenen Ansichten und nur diese? Ich bin dazu erzogen worden, auch das zu verstehen, was ich nicht verstehen will. Das, was ich am weitestens entfernt von mir sehe. Das, was ich am meisten von mir abweise. Es ist nicht einfach. Doch ich kann nicht anders. Ich kann nicht anders, als nicht zumindest zu versuchen, in anderen Menschen Menschen zu sehen. Menschen, die aus gut und böse bestehen, aus Dummheit und Klugheit zugleich.

Es macht für mich keinen Sinn, mich als vollkommen gut darzustellen. „Ich bin auf der guten Seite und die auf der anderen Seite sind die Bösen“. Ich gehe davon aus, dass jeder das Potential zu beiden Seiten in sich trägt. Jeder hat ein paar helle, nette Seiten. Diese Schokoladenseiten betonen wir gerne. Wir wollen selbst glauben, dass wir nur aus Schokolade bestehen. Wir ahnen vielleicht, dass wir auch diese andere Seite haben. Diese düstere, ungeliebte, gemeine Seite. Je mehr wir das ahnen, desto mehr betonen wir unsere Schokoladenseite, in Hoffnung, die andere wird niemals zutage treten. Manche kennen vielleicht den Spruch: Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut.  Es lohnt sich, darüber nachzudenken und zu schauen, inwiefern man das schon so erlebt hat.
Wenn man allerdings das eigene „Dunkel“ abstellt in die hinterste Kammer, dann läuft man Gefahr, dass es sich auf andere Weise zeigt. Zum Beispiel, indem man auf andere zeigt und ganz laut „Böse!“ schreit.

Man kann Gutes und Böses zugleich tun. Man kann die einen lieben und die anderen hassen. Doch der Hass bleibt da. Der Hass verblendet und durchtränkt all unsere Taten, selbst die, die wir als „gut“ betiteln. Solange wir hassen, verstreuen wir Hass auf der Welt. Selbst, wenn wir für Frieden plädieren und gegen die „anderen“ hetzen, sie schlecht machen und ein Stück weit hassen, werden wir keinen Frieden erreichen. Frieden kommt nur durch Frieden. Wir können nicht gegen Krieg sein und währenddessen mit unseren Mündern und Herzen Hass verbreiten. Hass ist Krieg. Immer. Wir haben vielleicht Angst oder denken, wenn wir das „Böse“ nicht mehr hassen, übernimmt es die Macht. Dann wird es sich ausbreiten und alle infiltrieren. Aber das ist nicht so. Das „Böse“ hat die Macht solange wir hassen. Beginnen wir, unsere „Gegner“  weniger zu hassen, heißt das nicht, dass wir sie gut finden. Wir können immer noch für Frieden „kämpfen“. Wir können immer noch auf einer anderen Seite als sie stehen. Doch der Fokus verrutscht. Wir  richten unsere Aufmerksamkeit nicht auf sie, sondern auf das, was wir wollen. Das ist viel machtvoller. Denn solange wir unsere negative Aufmerksamkeit für unsere „Gegner“ verschwenden, fördern wir sie insgeheim. Je mehr wir daran denken, diese auszumerzen, desto weniger Energie haben wir über um das zu erreichen, was wir eigentlich erreichen wollen. Der Einzelne mag denken, sobald man die „Bösen“ ausgeschaltet habe, wäre alles in Ordnung und es gäbe Frieden. Aber das kann nicht geschehen, wenn das „Böse“ durch Hass vernichtet wurde. Denn Hass ist ein Teil vom „Bösen“. Es ist also keinesfalls einfach verschwunden, es hat nur sein Gewand verändert. Für jede Bewegung, die Hass in sich trägt, gibt es eine Gegenbewegung und sie wird ebenso Hass in sich tragen. Nur jeder Einzelne kann sich dazu entscheiden, mit dem Hass aufzuhören. Wir sind keine guten Menschen, wenn wir die Waffen des „Bösen“ nutzen um das „Böse“ zu besiegen. Jede Hetze, jedes Schlechtmachen, jedes „Wir sind besser als die anderen“ ist Nahrung für den Hass.
Auch ohne Hass können wir immer noch demonstrieren für das, was wir wollen. Wir können uns immer noch einsetzen. Wir können gegen widrige Umstände immer noch vor Gericht gehen und so weiter.
Es ist einfach viel zu leicht, das „Böse“ nur in anderen zu sehen und niemals bei sich selbst. Denn die meisten anderen machen das genauso. Aber so erreichen wir niemals, was die meisten von uns erreichen wollen: Frieden.

Wenn wir einmal nur mitteilen würden, was wir wollen, anstatt, was wir nicht wollen, dann wären sicherlich die verschiedensten Menschen plötzlich einer Meinung. Wir sprechen dieselbe Sprache und verstehen uns doch nicht.
Aus irgendwelchen Gründen ist es einfacher zu hassen und einfach nur dagegen zu sein. Es ist einfacher, sich immer nur auf der „richtigen“ Seite zu sehen. Es ist einfacher, dem anderen nicht zuzuhören und ihn in eine Schublade zu stecken. Ich muss es nicht akzeptieren, was er macht und ich muss es erst recht nicht gut finden. Ich muss ihn nicht mögen. Ich muss ihn aber auch nicht hassen. Denn Hass ändert nichts, sondern trägt zur Misere bei. Viele denken, mit Hass könnten sie die anderen vertreiben. Das ist aber nicht so. Vom Hass anderer haben die Gegner nichts, außer, dass es deren Hass wohl noch verstärkt und sie selbst damit stärker macht. Man bekämpft und bestärkt sich also eigentlich nur gegenseitig. Es ist das Prinzip der Steinzeitmenschen verkleidet in einem Gewand von bunter Technologie und vermeintlichem Fortschritt.

Es geht ja nicht nur darum, was wir in diesem Moment tun. Sondern auch darum, was die Folgen davon sein könnten. Es geht ja nicht um den individuellen Hass von einer Person auf die andere. Es geht um den Hass von einer Gruppe auf die andere. Jeder normal kluge Mensch wird wissen, dass sich so etwas gegenseitig hochschaukelt. Nur einer aus so einer Masse muss etwas ziemlich Schlimmes machen und schon geht es so richtig los.
Es muss nicht mal jemand sein, der zu einer dieser Gruppen gehört. Es kann auch jemand von außen sein. Ich finde, wir sollten nicht alles so hinnehmen, wie es im ersten Augenblick erscheint. Wenn zwei (Gruppen) sich streiten, hat ein Dritter schnell die Macht über sie. Das sollten wir bedenken. Denn ich gehe davon aus, dass der Großteil von uns keinen Krieg möchte, keine Gewalt möchte und einfach nur in Frieden leben möchte. Je undifferenzierter wir aber denken und uns verhalten, desto schneller kommt es dazu. Egal, was wir tun. Lasst uns nicht zu den Menschen werden, die wir selbst anprangern. Das geht vielleicht schneller als wir gucken können.